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The Royal Society of Archeology im Test: Forscherdrang trifft Regel-Frust

Tolle Ideen und reizvolle Interaktionen treffen in diesem komplexen Worker-Placement-Brettspiel auf einen völlig überfrachteten Einstieg

The Royal Society of Archeology: Zwei Männer betrachten archäologische Artefakte in einem Büro vor Pyramidenkulisse.
Titelbild: Royal01.jpeg Überschrift: The Royal Society of Archeology im Test: Forscherdrang trifft Regel-Frust Forschen mit Frustfaktor Starke Ideen und reizvolle Interaktion treffen auf einen unnötig sperrigen Einstieg.(4/5 Sterne)

Kann es euch nicht komplex genug sein? Ihr wollt euch mal wieder richtig tief in ein Regelwerk reinknien und euch den Ablauf hart erarbeiten? Dann reichen wir uns die Hand: Herzlich willkommen in meiner Welt. Für mich darf eine Partie durchaus die Marke von zwei Stunden überschreiten, sofern die Spieltiefe über die gesamte Dauer trägt. „The Royal Society of Archeology“ könnte genau diese Anforderung erfüllen. In Sachen Komplexität kratzt es zumindest an der Grenze zum Expertenspiel.

Abenteuer im frühen zwanzigsten Jahrhundert

Thematisch dürft ihr euch auf einen Zeitsprung zurück in das frühe zwanzigste Jahrhundert einstellen. Ihr übernehmt die Leitung einer archäologischen Gesellschaft, die in London um Ruhm und Anerkennung kämpft. Zu viert verläuft der Wettstreit über vier Jahre, mit zwei oder drei Personen über fünf. Am Ende kommt es auf euren Fortschritt in zwei Disziplinen an: Prestige und Gelehrsamkeit. Für die Wertung zählt nur der niedrigere der beiden Werte. Ihr müsst also auf beiden Leisten möglichst ausgewogen vorankommen.

The Royal Society of Archeology : Gesamtansicht des Spielplans mit verschiedenen Fortschrittsleisten und Ablageflächen.
Das riesige Spielbrett macht auf dem Tisch eine Menge her.

Im Kern ist „The Royal Society of Archeology“ ein Arbeitereinsatzspiel. Ihr schickt eure drei Forscherfiguren an vier Orte in London: An der University of London erwerbt ihr regionales Wissen, in der City sucht ihr nach Geld und Gönnern, im Hafen brecht ihr zu Expeditionen auf und im Royal Museum stellt ihr Relikte aus. Dabei greifen gleich mehrere Werte ineinander. Wissen erfüllt regionale Expeditionsvoraussetzungen, die Expertise bestimmt die Stärke einer Figur und das Ansehen beeinflusst unter anderem die Zugreihenfolge sowie den Zugang zu bestimmten Aktionen. Prestige und Gelehrsamkeit bilden schließlich die beiden Wertungsleisten. Thematisch fügt sich das sauber zusammen. Schon hier zeigt sich aber, wie viele Stellschrauben ihr gleichzeitig im Blick behalten müsst.

Expeditionen in Übersee

Das Herzstück sind natürlich die Expeditionen. Eine passende Karte verlangt nicht nur ausreichend Geld, sondern auch genügend Wissen über die jeweilige Region und eine Forscherfigur mit der nötigen Expertise. Manchmal kommen weitere Voraussetzungen hinzu, etwa eine bereits absolvierte Expedition eines bestimmten Typs. Als Belohnung erhaltet ihr Relikte, steigert eure Werte oder verbessert die eingesetzte Figur. Die Relikte könnt ihr später im Royal Museum ausstellen, verkaufen oder einem Gönner überlassen. Diese Ketten aus Vorbereitung und Belohnung eröffnen interessante taktische Möglichkeiten, können einen Zug aber auch schon an einem einzigen fehlenden Detail scheitern lassen.

The Royal Society of Archeology : Individuelles Spielertableau mit drei Leisten, Holzfiguren und beiliegenden Karten.
Jede Gesellschaft schickt drei Forscher mit unterschiedlicher Expertise in die weite Welt hinaus.

Gerade in den ersten ein, zwei Partien gerät der Spielfluss deshalb regelmäßig ins Stocken. Ihr müsst erst verstehen, welche Voraussetzung wofür zählt und wie sich die verschiedenen Leisten gegenseitig beeinflussen. Prestige, Ansehen, Gelehrsamkeit, Wissen, Expertise – was war noch mal was? Wer Freude daran hat, ein komplexes System Schritt für Schritt zu entschlüsseln, findet hier viel Stoff. Alle anderen dürften von den häufigen Rückfragen und dem Nachschlagen in der Anleitung eher ausgebremst werden. „The Royal Society of Archeology“ verlangt auf jeden Fall eine gewisse Einarbeitungszeit. Auch der historische Rahmen verdient einen genaueren Blick: Das Regelheft benennt den damaligen Raub von Kulturgütern ausdrücklich und erklärt, diese Praktiken nicht verherrlichen zu wollen. Im Spiel bleiben Relikte trotzdem in erster Linie Ressourcen, die ausgestellt, verkauft oder weitergegeben werden. Das passt zum gewählten Zeitraum, hinterlässt thematisch aber einen zwiespältigen Eindruck.

Lehren und Lernen als Schlüssel zum Sieg

Stolpersteine gibt es also einige. An anderer Stelle zeigt sich das Spiel dafür erstaunlich wohlwollend. Wer bereits andere Arbeitereinsatzspiele ausprobiert hat, kennt das übliche Ärgernis: Sobald an einem Ort eine Figur steht, ist dieser für andere blockiert. Nicht so bei „The Royal Society of Archeology“. Hier dürfen mehrere Figuren denselben Ort besuchen. Setzt ihr eine Figur mit geringerer Expertise zu einer erfahreneren, erhält die schwächere Figur den Ortsbonus. Die stärkste Figur vor Ort verschafft ihrer Gesellschaft im Gegenzug Ansehen oder Prestige. So profitieren im besten Fall beide Seiten voneinander.

The Royal Society of Archeology : Mehrere illustrierte Zielkarten historischer Ausgrabungsstätten wie Machu Picchu.
Für die Darstellung der Expeditionen hat sich der Verlag für einen bunten Comic-Look entschieden.
Image

Diese positive Interaktion findet man im Genre eher selten, und sie verleiht dem Spiel eine angenehm gemeinschaftliche Note. Abseits davon bleibt der direkte Einfluss aufeinander überschaubar. Ihr konkurriert um ausliegende Expeditionen, gemeinsame Ziele und Mehrheiten im Museum, baut eure eigene Gesellschaft aber weitgehend ungestört auf. Der Verlag gibt eine Spieldauer von 60 bis 120 Minuten an; in meinen Runden waren ungefähr 30 Minuten pro Person eine realistische Faustregel. Zusammen mit der nötigen Einarbeitung macht das „The Royal Society of Archeology“ eindeutig zu einem Spiel für erfahrene und geduldige Runden.

The Royal Society of Archeology – Testfazit

„The Royal Society of Archeology“ hat so viele gute Ansätze – ich würde es gerne lieben. Vor allem die Lernmechanik der Forscherfiguren hat es mir angetan. Sie ist zwar nicht vollständig neu, wirkt im Zusammenspiel mit den übrigen Ideen aber angenehm frisch. Auch die Aktionen greifen thematisch überzeugend ineinander. Variable Gesellschaften, Expeditionen und gemeinsame Ziele sorgen dafür, dass sich die Partien unterschiedlich entwickeln und langfristig verschiedene Strategien ausprobiert werden können. Dem gegenüber steht ein unnötig schwerer Einstieg. Die Anleitung ließ mich nach dem ersten Lesen mit zahlreichen Fragen zurück, und die vielen Voraussetzungen bremsen den Spielfluss immer wieder aus. Das Spiel ist nicht nur anspruchsvoll, sondern stellenweise schlicht überfrachtet. Seine Kleinteiligkeit erzeugt dann keine spannenden Entscheidungen mehr, sondern vor allem Verwaltungsarbeit. Wenn ihr bereit seid, euch tief in die Abläufe reinzuknien und dem Spiel mehrere Partien Zeit zu geben, könnte es sich trotzdem zu einem Dauerbrenner entwickeln. Wer hingegen ein elegantes, schnell zugängliches Arbeitereinsatzspiel sucht, ist hier wahrscheinlich falsch.

The Royal Society of Archeology : Bunte Stoffsäckchen, aus denen farblich passende Holzplättchen mit Symbolen ragen.
The Royal Society of Archeology
THE ROYAL SOCIETY OF ARCHEOLOGY
PROCONTRA
  • thematisch eng verzahnte Aktionen
  • reizvolle Lernmechanik der Forscherfiguren
  • positive Interaktion beim Arbeitereinsatz
  • hohe Variabilität und Langzeitmotivation
  • lückenhafte, schlecht strukturierte Anleitung
  • zäher Einstieg
  • unnötig überfrachtet und kleinteilig
The Royal Society of Archeology: Nahaufnahme von gestapelten, mehrfarbigen Holzscheiben auf einer Punkteleiste.
The Royal Society of Archeology